Buchbesprechung: „Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?“

von Sybille Bauriedl

Im Februar 2016 ist das lesenswerte Buch „Global Gardening“ der Journalistin Christiane Grefe erschienen, das eine vielschichtige und umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Bioökonomie bietet. Der Untertitel zeigt das Spannungsfeld des Buches an: Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Die Autorin stellt die Chancen und Risiken einer biotechnologisch optimierten Landwirtschaft vor und zeigt in sieben Kapiteln die Komplexität des Themas. Sie schildert den Ursprung des Begriffs, die Einsatzgebiete der Bioökonomie, die Gründe ihres aktuellen Aufschwungs sowie die Kritik daran, die Bedeutung der Bioökonomie für den Globalen Süden, und schließlich mögliche Alternativen einer Kreislauflandwirtschaft ohne biotechnologische Eingriffe.
Global Gardening
Das Buch liefert einen fundierten Überblick über die relevanten politischen Debatten und zitiert die involvierten Institutionen und deren Vereinbarungen auf dem Weg zur Bioökonomie. Schnell wird klar: Bei Bioökonomie geht es um big business, das als Philanthropie getarnt ist. Der Weg zu einer Welt ohne Hunger und Naturzerstörung soll durch mikrobiologische Innovationen sowie eine deregulierte Agrarpolitik realisiert werden. Die biologischen und ökonomischen Prozesse der Biotechnologie bzw. der synthetischen Biologie beschreibt die Autorin detailliert; sie macht die Zusammenhänge u.a. durch Gespräche mit Vertreter_innen von Unternehmen, die innovative Verfahren der synthetischen Biologie erproben, sowie durch ihre eigenen Beobachtungen bei Besuchen von Vorzeigefarmen von Agrarchemiekonzernen oder bei Kleinbauern in Tanzania und Indien anschaulich.
Dabei wird deutlich, dass Bioökonomie so ziemlich alle Lebensbereiche betrifft – und zwar global. Es geht um Fragen der gesellschaftlichen und ökonomischen Bewertung von Natur, um Fragen der Landnahme für den Biomassehunger der Industrie- und Schwellenländer und damit um die Reproduktion kolonialer Rohstoffströme, um Fragen der Vergesellschaftung ökologischer und gesundheitlicher Risiken industrieller Landwirtschaft bis hin zu Fragen der Proletarisierung von Bauern und Bäuerinnen im Globalen Süden.
Bioökonomie wird die Forschungspolitik genauso wie die Agrar- und Entwicklungspolitik prägen. Das zeigte sich z.B. beim Pariser Klimagipfel im Dezember 2015. Hier wurde das langfristige Ziel einer Dekarbonisierung der Produktion und Energieversorgung beschlossen – und zwar nicht durch Verzicht auf fossile Energieträger, sondern durch deren Substitution. Das ist quasi ein Auftrag zur Klimarettung an die Bioökonomieprotagonist_innen. Diese wiederum erwarten nun eine entsprechende staatliche Unterstützung und gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür versprechen sie erstens eine Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft durch Saat- und Pflanzenoptimierung, um Ernährung und Biomasseproduktion zu sichern, und zweitens neue Technologien zur Herstellung von Treibstoffen und Materialien, die bisher auf fossilen Rohstoffen basierten.
Mit Bioökonomie soll mehr Biomasse-Output möglich sein, ohne Flächen der Nahrungsmittelproduktion in Anspruch zu nehmen. Die „Tank oder Teller“-Debatte hatte vor wenigen Jahren der gesellschaftlichen Akzeptanz von Agrartreibstoffen sehr geschadet. Bioökonomie steht für den Teil der sogenannten Grünen Ökonomie, der biogene Ressourcen nutzt und viele Win-Optionen verspricht. Wachsender Wohlstand für alle soll trotz wachsender globaler Bevölkerung bei reduziertem Ressourcenverbrauch und reduzierten Emissionen möglich sein. Christiane Grefe stellt dieses „Mehr mit weniger“-Narrativ mit zahlreichen Beispielen und Zitaten vor.
Bioökonomie wird stets als multiple Win-Option präsentiert. Mögliche Strategien des Ressourcenschutzes und der Ernährungssicherung durch Suffizienz oder degrowth (Verbrauchs- oder Wachstumsreduzierung) sind nicht vorgesehen bzw. sollen durch Bioökonomie überflüssig werden.
Aktuell findet Bioökonomie vor allem in Forschungslaboren statt und wird insbesondere in Deutschland und der EU mit Forschungsmitteln in Milliardenhöhe gefördert. Die Feldversuche der Zukunft sind schon in Planung. Modellregionen sind in Afrika, Asien, Lateinamerika zu finden. Grefe erläutert die Interessen von Agrarkonzernen, G8, Weltbank und Nationalregierungen u.a. am Beispiel des des Entwicklungskorridors Southern Agricultural Corridor of Tanzania. Das Projekt erinnert an Erfahrungen der 1980er Jahre mit Strukturanpassungsprogrammen in diversen afrikanischen Ländern und wird von entsprechenden Protesten durch Kleinbauernvereinigungen und Umwelt-NGOs begleitet.
Auch die Kritik an synthetischer Biologie, gentechnisch veränderten Organismen und die Sorge um deren unkontrollierbare Ausbreitung im Ökosystem wird schon seit den 1980er Jahren formuliert. Einen neuen Schub hat Bioökonomie nicht nur mit dem Argument des Klimaschutzes und der Welternährungssicherung erhalten, sondern auch durch schnellere Forschungserfolge durch beschleunigte Datenverarbeitung – Gentechnologie trifft Informationstechnologie.
Die Optimierungsstrategie der Bioökonomieunternehmen wird auch von der deutschen Bundesregierung vertreten. Sie hat dazu 2009 den deutschen Bioökonomierat einberufen, deren Ratsmitglieder Expert_innen der Ernährungswissenschaften, Bodenkunde, Agrarökonomie, Tierzucht, Bioenergie, Agrarmarketing und Unternehmensvertreter_innen der industriellen Biotechnologie sind. Ihre Aufgabe ist es, die Bundesregierung bei der Umsetzung der „Nationalen Politikstrategie Bioökonomie“ zu beraten und damit optimale wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen für eine biobasierte Wirtschaft zu schaffen. Diese Strategie wird vom Forschungsprogramm „Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ begleitet, das mit 2,4 Milliarden Euro ausgestattet ist. In den letzten Jahren hat der Bioökonomierat zahlreiche Publikationen vorgelegt und im November 2015 zum Bioökonomieweltgipfel eingeladen, der mit 500 Entscheidungsträger_innen aus Politik, Wirtschaft, Industrie und Zivilgesellschaft in Berlin stattgefunden hat. Diskutiert wurde darüber, wie gleichzeitig die Ziele der Ernährungssicherung, der nachhaltigen Entwicklung, des Wirtschaftswachstums und des Schutzes begrenzter natürlicher Ressourcen durch Bioökonomie erreicht werden können, um damit einen Beitrag zu den im Sommer 2015 von der UN verabschiedeten globalen Nachhaltigkeitszielen zu leisten.
Christiane Grefe bemüht sich in allen Abschnitten ihres Buches um eine abgewogene Darstellung der Pro- und Contraargumente. Den Leser_innen wird jedoch schnell klar, dass Bioökonomie kein bottom up-Prozess ist, der von Verbraucher_innen und Bäuer_innen vorangetrieben wird, und dass Wissen um bioökonomische Innovationen nicht open source verfügbar ist. Die präsentierten alternativen Beispiele für einen nachhaltigen Landbau beruhen ausschließlich auf den Techniken der alten Bioökonomie – ohne gentechnologische Eingriff in das Erbgut von Pflanzen und ohne Pestizideinsatz. Die Kontrolle über das Saatgut bleibt in diesen Beispielen bei den Bauern selbst.
Für die Formulierung von Extrempositionen in der Bioökonomie-Debatte hat die Autorin Stellvertreter_innen gewählt. Das Buch enthält vier „Streitgespräche“ mit jeweils zwei Kontrahent_innen von Bioökonomie-Unternehmen und Umweltverbänden, Landwirten und Naturphilosoph_innen. Ein zusätzliches Streitgespräch zur politischen Dimension der Bioökonomie und die Frage nach dem Stellenwert der Bioökonomie für eine sozial-ökologische Transformation – die ja ebenfalls ein Entwicklungsziel der Bundesregierung ist – wäre spannend gewesen. Damit hätte deutlich werden können, auf welchem Zukunftsideal Bioökonomie beruht. Aktuell steht Bioökonomie für ein technologieorientiertes, neoliberales Fortschrittsmodell und für das Ideal einer ökologischen Modernisierung. Die Markt- und Diskursmacht der Großkonzerne der Ernährungs-, Chemie- und Agrarwirtschaft spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausgestaltung der Bioökonomiestrategie. Es sind die altbekannten Player wie Syngenta und Monsanto, die auch weiterhin eine industrielle Landwirtschaft prägen wollen und neue Unternehmen, die fossile Substitute aus Mikroben, Enzymen, Algen und Pilzen entwickeln, fleißig aufkaufen. Die neoliberale Globalisierung und Monopolisierung des Marktes mit Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln wird sich auf diese Weise noch verstärken – und auch die Monopolisierung der Bezugs- und Absatzmärkte und die Abhängigkeiten der Landwirt_innen von Agrarkonzernen. „Global Gardening“ ist ein wichtiges Buch, um die ökologischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Bioökonomie verstehen zu können.

Christiane Grefe: Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? München, Verlag Antje Kunstmann, 2016, 320 Seiten, 22,95 €. Hier reinlesen.

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Remembering Doreen Massey

I never wanted to write this sentence: All of a sudden Doreen Massey has died on Friday, March 11th.
It is a great loss in so many ways. She was an inspiring intellectual in Geography, for the wider academic community and in large political contexts across the globe. Her work on space, place and power had huge impact on research and debates on uneven regional development and globalisation. Doreen significantly influenced feminist geography, economic geography as well as cultural geography with her understanding of intersected power relations. She introduced conceptual thoughts which have become general knowledge in social sciences through her publication like „Spatial Division of Labour“ (1984) and „A Global Sense of Place” (1991), “Power Geometries“ (1993), “Geographies of responsibility“ (2004), “For Space” (2005) and “World City” (2007). Through her insistence on uncovering and re-thinking geographical imaginaries she has changed research on gender, human/nature, global and cross scale relations as well as many others.
She was a geographer by heart, a brilliant intellectual and a convincing activist. With all her publications, academic and public lectures, interviews, newspaper articles and her courses at the Open University in Milton Keynes she emphasised the relevance to take a global view of space, that space is never static but fluid, open and subjective and exists within time, that places are not fixed but relational. This is not trivial. As it changed our view on cities, climate change, migration and every spatial and social condition. It clarified everybody’s responsibility for geography and the dangerous trend of fetishizing the local. It reminded us to search for alternative geographies.
In her last years Doreen had published the Kilburn Manifesto together with Stuart Hall and Michael Rustin. In it they began to develop an idea of a possible world after neoliberalism by criticizing the vocabulary we use to talk about economy and to unmask the idea of growth as the solution to our problems as ideological. For my work on global division of climate mitigation responsibility, on gender discourses in environmental politics and on urban development all these ideas and arguments were most influential.
With my work and the work of many colleagues all over the world Doreen’s thoughts will live on. I had the chance of a long lasting exchange with Doreen, which started with her participation in the annual Doreen Massey Reading Weekends together with a crowd of German-speaking feminist geographers in 1999 (see “A kind of queer geography”, 2006), continued by several gatherings in London. I will deeply miss her electrifying enthusiasm and her energy to fight for a just society.
Sybille Bauriedl

Klimawandelleugner kämpfen für Kohle

Sybille Bauriedl (Originalbeitrag für diesen Blog)
Klimawandelskeptiker und Klimawandelleugner sind Personen, die die Relevanz der globalen Erwärmung anzweifeln, indem sie entweder den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bestreiten oder die Existenz eines Klimawandels komplett verneinen. Klimawandelskeptiker sind insbesondere als Lobbyisten der Kohleindustrie anzutreffen. In den USA wird die Vehemenz dieses Phänomens gerade wieder sehr deutlich sichtbar: das Bundesgericht hat die Umsetzung des Klimaschutzplans gestoppt, den Präsident Obama Klimagipfel im letzten Dezember noch als schlagkräftiges Instrument für den globalen Klimaschutz präsentiert hatte – wofür er in Paris gefeiert wurde.
Climate Hoax Cartoon Kopie
Das oberste Gericht der USA (Supreme Court) entschied am 9. Februar 2016 mit fünf zu vier Stimmen, dass amerikanische Kraftwerke vorerst keine CO2-Obergrenzen einhalten müssen – so lange, bis laufende Klagen ausreichend auf ihre Rechtmäßigkeit hin überprüft worden sind. Der am 3. August 2015 vom US Präsidenten vorgestellte „Clean Power Plan“ sieht vor, dass erstmals landesweit verbindliche Ziele für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes im Energiesektor bis 2030 um 32 Prozent im Vergleich zu 2005 umgesetzt werde sollen. Zugleich ist vorgesehen, den Anteil der Kohlekraftwerke an der Stromerzeugung von aktuell 40 auf 27 Prozent zu senken. Weil er im Kongress nicht mit einer Mehrheit rechnen kann, wollte Obama die Maßnahme ohne das Parlament beschließen. Die Reduktion des CO2-Ausstoßes hatte er über die nationale Umweltbehörde EPA anordnen erlassen, die auch für die Regulierung von Unternehmen mittels Umweltschutzauflagen zuständig ist. Dabei stützte sich Obama auf seine Exekutivvollmachten, die auf einem vor mehr als vier Jahrzehnten erlassenen Gesetz zur Bekämpfung der Luftverschmutzung basieren. Mehr als zwei Dutzend mehrheitlich republikanisch geführte US-Bundesstaaten, Industrieverbände und Energiekonzerne klagen seit Monaten vor verschiedenen Gerichten gegen die Emissionsdeckelung durch die EPA, indem sie darauf verweisen, dass der Klimawandel nicht stattfindet oder zumindest nicht durch die Nutzung fossiler Energien verursacht wurde.
Die Leugnung eines menschengemachten Klimawandels durch republikanische US-Senatoren ist kein ungewöhnliches Ereignis. In der gleichen Woche wie die NASA und die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) verkündete, dass 2014 das heißeste Jahr der Erde seit der Temperaturaufzeichnung war, befürwortete die republikanische Mehrheit des US-Senats am 29. Januar 2015 den Bau der Keystone XL Pipeline für den Transport des emissionsintensiv abgebauten Rohöl aus Teersanden in Kanada. Zur Abstimmung stand dabei auch, ob die Senator_innen der Meinung sind, dass dies klimaschädliche Folgen haben könnte. Von US-Senator_innen wird immer wieder die Phrase benutzt “I’m not a scientist”, um auszudrücken, dass man sich beim Klimawandelwissen nicht sicher sein kann und daher völlig offen ist, ob die Klimawandelprognose eintrifft.
Einer der engagiertesten Klimaleugner ist James Inhofe, Senator von Oklahoma und Sprecher des Umweltkomitees im US-Senat. Er bezeichnet den Klimawandel als den größten Schwindel (“biggest hoax”) der Menschheit. Senator Ted Cruz, der sich aktuell um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bemühte, stellte kürzlich fest: „Viele dieser Klimawandel-Alarmisten haben ein Problem, denn die Forschung gibt ihnen nicht Recht. Satellitenaufnahmen zeigen, dass es in den letzten 18 Jahren null Erderwärmung gegeben hat.“ Cruz nutzt für seine Aussage selektiv meteorologische Daten. Beim 18 Jahre-Rückblick rechnet er das abnormal kühle Jahr 1998 mit ein, das die sehr warmen Folgejahre im Temperaturdurchschnitt relativiert. Präsident Obama nutzt die gleichen Temperaturdaten, verweist in seinen Ansprachen zum Klimawandel jedoch stets auf die letzten 15 Jahre. Damit nutzt er die 13 wärmsten Jahre seit der Industrialisierung für sein Argument eines drastischen Klimawandels.

Kohlelobby verzögert Klimaschutz
Klimawandelskeptiker vertreten unterschiedliche Positionen. Neben den Trendskeptikern („heiße Jahre sind eine Ausnahme“) und Ursachenskeptikern („Erwärmung hat nichts mit CO2 Emissionen des Menschen zu tun“) sind auch die Folgenskeptiker eine relevante Größe. Sie warnen vor den Arbeitsplatzverlusten im konventionellen Energiesektor und prognostizieren, dass die ökonomischen und sozialen Folgen des Klimaschutzes weitaus teurer sein werden als die ökologischen Kosten der Kohleverbrennung.
Die Reaktionen auf den Klimawandel werden als unverhältnismäßig dargestellt. Ihr business as usual-Vorschlag lautet: erstmal abwarten, ob es wirklich so schlimm kommt mit dem Klimawandel und dann kann man ja immer noch mit technischen Lösungen reagieren.
Obama argumentiert hingegen mit den ökonomischen Potentialen der Energiewende und bezeichnet den konventionellen Energiesektor als Hauptverursacher des Klimawandels. Kohlelobbyisten aus Politik und Wirtschaft interpretieren den „Clean Power Plan“ auf Grund dieser Argumentation als „War on Coal„.
Das Phänomen der Klimaskeptiker in den USA ist hinlänglich bekannt. Es geht um die Rettung der heimischen fossilen Industrien und eines extrem treibhausgas- und ressourcenintensiven Lebensstils (motorisierter Individualverkehr, Gebäude- und Siedlungsinfrastruktur mit geringer Energieeffizienz etc.). Dennoch hat der Skeptizismus aktuell nochmal an Schärfe zugenommen. Es ist Wahlkampf in den USA und dabei steht auch die Deutung des Klimawandels zur Disposition – zumindest im US-Kongress und bei republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Ihre Abwehrhaltung gegen Umweltschutzregulierung und insbesondere gegen Klimaschutz ist in den USA ein zentraler Bestandteil konservativer und republikanischer Identität geworden. Kongressabgeordnete und Senator_innen versuchen sich immer wieder als Retter der Industrien zu inszenieren, die mit der Glanzzeit amerikanischer Wirtschaft verbunden werden.
Auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump will die US-Industrie von jeglicher Regulierung einer Klimaschutzpolitik befreien. Am 6. Nov. 2012 twitterte er „The concept of global warming was created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive.“ Im aktuellen Wahlkampf wurde ihm diese Aussage immer wieder als Verschwörungstheorie vorgehalten und er hat sie mittlerweile als Scherz bezeichnet. Klimawandelwissen bezeichnet er jedoch immer noch als unsicher und übertrieben: „A lot of it is a hoax.”
Diese Strategie der Klimawandelleugnung zur Rettung fossiler Industrien ist nicht nur in den USA zu finden. Auch in Deutschland haben sich Klimawandelleugner formiert und zahlreiche Bücher publiziert mit Titeln wie: „Der Klimaschwindel“ (Blüchel 2007), „Handbuch der Klimalügen“ (Olson 2010), „Die Lüge der Klimakatastrophe“ (Bachmann 2010), „Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“ (Vahrenholt 2012) oder „Rote Lügen in grünem Gewand“ (Mann 2015). Im parteipolitischen Rahmen finden sich Klimaleugner jedoch allein bei der Alternative für Deutschland (AfD) – die gerade in mehrere Landesparlamente einzieht. Von den 15 Mitgliedern des AfD-Energieausschusses, der auch Klimaschutzpolitik verhandelt, gehört die Mehrheit eindeutig zum Lager der Leugner, die den Klimawandel auch mal als „Öko-Märchen“ und Klimaschutz als „Pseudoreligion“ bezeichnen. AfD-Mitglied Michael Limburg ist einer der präsentesten Klimawandelleugner. Seine Argumentation vertritt er als Vizepräsident des Europäischen Instituts für Klima und Energie EIKE – dem Dachverband deutscher Klimaschutzgegner. Das Institut wirbt mit dem Slogan „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit! Umweltschutz: Ja! Klimaschutz: Nein“. Diese Freiheit sehen die Autoren EIKE-Blogs durch Energiewendesubventionen genauso eingeschränkt wie durch Zwangsevakuierungen nach AKW-Unfällen.
Für Politiker_innen aller anderen Parteien, die in Parlamenten vertreten sind, gilt der menschenverursachte Klimawandel als sicheres Wissen. Starker Dissens besteht hingegen bei der Wahl der Mittel, um den Klimawandel zu drosseln. In der Bundesregierung finden sich tatkräftige Klimaschutzskeptiker_innen, die die Interessen der Kohlelobby unterstützen (vgl. Brunnengräber 2013: Klimaskeptiker in Deutschland und ihr Kampf gegen die Energiewende). Auch in Deutschland wird für Privilegien und Arbeitsplätze in der Kohle- und Bergbauindustrie gekämpft. Die wirtschaftlichen Potentiale einer Energiewende werden zwar nicht negiert, aber die fossile Energiewirtschaft soll als Parallelstruktur so lange erhalten bleiben bis die „alten“ Energieunternehmen dank dreifacher Subventionierung (Bergbausubvention, Atomenergieausstiegssubvention und Erneuerbare Energiensubvention) den Sprung in die sogenannte grüne Energiewirtschaft geschafft haben. Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel versprach am 18. Februar 2016 bei seiner Grundsatzrede zur Industriepolitik in Deutschland „Ich bin mir mit meiner Kollegin Umweltministerin Barbara Hendricks einig, dass dies [der neue Klimaschutzplan der Bundesregierung] kein Plan werden wird, der einen Beitrag zur De-Industrialisierung unseres Landes leistet.“

Kampfzone Klimaforschung
Klimaforscher_innen setzen sich seit langem mit dem Phänomen der Leugner des Klimawandels auseinander und versuchen deren Argumente mit wissenschaftlichen Daten zu entkräften (vgl. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung). Der Weltklimarat (IPCC) ist als Gremium gegründet worden, um den Klimawandelskeptizismus zu überwinden und kontinuierlich dem aktuellen Forschungsstand entsprechendes Wissen über die globalen Klimaveränderungen vorzulegen (vgl. Stefanie Baasch in „Wörterbuch Klimadebatte“, 2015).
Seine Aufgabe ist es, alle fünf bis sechs Jahre den Wissensstand der Klimaforschung zusammenzufassen und daraus Erkenntnisse zu globalen Dynamiken abzuleiten. Der Weltklimarat zeigt mit zahlreichen Studien auf Basis verschiedener Forschungsmethoden, dass die Emission von Treibhausgasen verantwortlich ist für die globale Erwärmung und dass diese Emissionen seit der Industrialisierung enorm zugenommen haben. Gegenspieler des Weltklimarats sind think tanks in den USA, die von Lobbyisten der Öl-, Gas- oder Kohleindustrie finanzieren werden (Heartland Institute, Cato Institute, American Enterprise Institute u.a.). Sie haben die Aufgabe das Klimawandelwissen als unsicher zu erklären und republikanischen Politiker_innen damit Argumente zu liefern, die Klimaforschung als Angstmacherei abzutun und Maßnahmen gegen den Klimawandel als unnötig zu erklären. Die Einflussnahme von think tanks läuft über verschiedene Kanäle: sie stellen Material bereit zur Diskreditierung der Klimaforschung, veranstalten Klimawandelkonferenzen, kommunizieren Gegenargumente direkt an Politiker_innen, verbreiten klimaskeptische Ansichten über verschiedene Medien. Internetblogs spielen hierbei eine besondere Rolle. Werner Krauss hat die Blogosphäre der Klimawandelskeptiker und Klimawandelwarner als „Kampfzone“ bezeichnet. Die hier geführte Auseinandersetzung um das Klimawandelwissen wird durch die Medien intensiv rezipiert und hat dadurch mindestens so viel Einfluss auf die öffentliche Debatte wie Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen.
Justin Farrell stellte im Oktober 2015 seine Studie zu den Finanzierungsquellen von US think tanks vor. Neunzehn klimaskeptische think tanks haben Förderungen von Unternehmen der fossilen Industrien erhalten. Außerdem hat er die Aussagen von Akteuren der Klimawandelgegenbewegung zwischen 1993-2013 untersucht und stellt fest, dass die finanzielle Einflussnahme dieser Unternehmen zu einer Polarisierung der Klimadebatte geführt hat.
Constantine Boussalis und Travis Coan veröffentlichten 2015 in der Zeitschrift Global Environmental Change den ersten systematischen Überblick zu den Argumenten und Praktiken konservativer US think tanks und ihrem Beitrag zum Klimadiskurs zwischen 1998 und 2013. Sie stellen nach ihrer umfangreichen Analyse von 16.000 Dokumenten der relevanten Klima think tanks fest, dass in den letzten Jahren die Häufigkeit und Heftigkeit der Angriffe auf die Klimaforschung zugenommen haben, obwohl immer mehr fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Meteorologie, Paläontologie, Ozeanographie usw. vorliege, die einen menschenverursachten Klimawandel nachweisen. Der Anstieg der klimaskeptischen Beiträge lässt sich als Reaktion auf einen erhöhten öffentlichen Druck auf kohlenstoffemittierende Industrien und die Ausweitung von erneuerbaren Energien erklären. Klimawandelleugner lassen sich nicht durch evidentes Wissen überzeugen. Sie werden weiter Klimaschützer attackieren, um Klima- und Gesundheitsmaßnahmen zu verhindern, die zu Lasten fossiler Ökonomien und konservativer Lebensweisen gehen könnten. Ob ein Klimawandel stattfindet oder nicht ist den Klimawandelleugner eigentlich egal, solange niemand an ihren Privilegien gerüttelt.