Buchbesprechung: „Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?“

von Sybille Bauriedl

Im Februar 2016 ist das lesenswerte Buch „Global Gardening“ der Journalistin Christiane Grefe erschienen, das eine vielschichtige und umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Bioökonomie bietet. Der Untertitel zeigt das Spannungsfeld des Buches an: Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Die Autorin stellt die Chancen und Risiken einer biotechnologisch optimierten Landwirtschaft vor und zeigt in sieben Kapiteln die Komplexität des Themas. Sie schildert den Ursprung des Begriffs, die Einsatzgebiete der Bioökonomie, die Gründe ihres aktuellen Aufschwungs sowie die Kritik daran, die Bedeutung der Bioökonomie für den Globalen Süden, und schließlich mögliche Alternativen einer Kreislauflandwirtschaft ohne biotechnologische Eingriffe.
Global Gardening
Das Buch liefert einen fundierten Überblick über die relevanten politischen Debatten und zitiert die involvierten Institutionen und deren Vereinbarungen auf dem Weg zur Bioökonomie. Schnell wird klar: Bei Bioökonomie geht es um big business, das als Philanthropie getarnt ist. Der Weg zu einer Welt ohne Hunger und Naturzerstörung soll durch mikrobiologische Innovationen sowie eine deregulierte Agrarpolitik realisiert werden. Die biologischen und ökonomischen Prozesse der Biotechnologie bzw. der synthetischen Biologie beschreibt die Autorin detailliert; sie macht die Zusammenhänge u.a. durch Gespräche mit Vertreter_innen von Unternehmen, die innovative Verfahren der synthetischen Biologie erproben, sowie durch ihre eigenen Beobachtungen bei Besuchen von Vorzeigefarmen von Agrarchemiekonzernen oder bei Kleinbauern in Tanzania und Indien anschaulich.
Dabei wird deutlich, dass Bioökonomie so ziemlich alle Lebensbereiche betrifft – und zwar global. Es geht um Fragen der gesellschaftlichen und ökonomischen Bewertung von Natur, um Fragen der Landnahme für den Biomassehunger der Industrie- und Schwellenländer und damit um die Reproduktion kolonialer Rohstoffströme, um Fragen der Vergesellschaftung ökologischer und gesundheitlicher Risiken industrieller Landwirtschaft bis hin zu Fragen der Proletarisierung von Bauern und Bäuerinnen im Globalen Süden.
Bioökonomie wird die Forschungspolitik genauso wie die Agrar- und Entwicklungspolitik prägen. Das zeigte sich z.B. beim Pariser Klimagipfel im Dezember 2015. Hier wurde das langfristige Ziel einer Dekarbonisierung der Produktion und Energieversorgung beschlossen – und zwar nicht durch Verzicht auf fossile Energieträger, sondern durch deren Substitution. Das ist quasi ein Auftrag zur Klimarettung an die Bioökonomieprotagonist_innen. Diese wiederum erwarten nun eine entsprechende staatliche Unterstützung und gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür versprechen sie erstens eine Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft durch Saat- und Pflanzenoptimierung, um Ernährung und Biomasseproduktion zu sichern, und zweitens neue Technologien zur Herstellung von Treibstoffen und Materialien, die bisher auf fossilen Rohstoffen basierten.
Mit Bioökonomie soll mehr Biomasse-Output möglich sein, ohne Flächen der Nahrungsmittelproduktion in Anspruch zu nehmen. Die „Tank oder Teller“-Debatte hatte vor wenigen Jahren der gesellschaftlichen Akzeptanz von Agrartreibstoffen sehr geschadet. Bioökonomie steht für den Teil der sogenannten Grünen Ökonomie, der biogene Ressourcen nutzt und viele Win-Optionen verspricht. Wachsender Wohlstand für alle soll trotz wachsender globaler Bevölkerung bei reduziertem Ressourcenverbrauch und reduzierten Emissionen möglich sein. Christiane Grefe stellt dieses „Mehr mit weniger“-Narrativ mit zahlreichen Beispielen und Zitaten vor.
Bioökonomie wird stets als multiple Win-Option präsentiert. Mögliche Strategien des Ressourcenschutzes und der Ernährungssicherung durch Suffizienz oder degrowth (Verbrauchs- oder Wachstumsreduzierung) sind nicht vorgesehen bzw. sollen durch Bioökonomie überflüssig werden.
Aktuell findet Bioökonomie vor allem in Forschungslaboren statt und wird insbesondere in Deutschland und der EU mit Forschungsmitteln in Milliardenhöhe gefördert. Die Feldversuche der Zukunft sind schon in Planung. Modellregionen sind in Afrika, Asien, Lateinamerika zu finden. Grefe erläutert die Interessen von Agrarkonzernen, G8, Weltbank und Nationalregierungen u.a. am Beispiel des des Entwicklungskorridors Southern Agricultural Corridor of Tanzania. Das Projekt erinnert an Erfahrungen der 1980er Jahre mit Strukturanpassungsprogrammen in diversen afrikanischen Ländern und wird von entsprechenden Protesten durch Kleinbauernvereinigungen und Umwelt-NGOs begleitet.
Auch die Kritik an synthetischer Biologie, gentechnisch veränderten Organismen und die Sorge um deren unkontrollierbare Ausbreitung im Ökosystem wird schon seit den 1980er Jahren formuliert. Einen neuen Schub hat Bioökonomie nicht nur mit dem Argument des Klimaschutzes und der Welternährungssicherung erhalten, sondern auch durch schnellere Forschungserfolge durch beschleunigte Datenverarbeitung – Gentechnologie trifft Informationstechnologie.
Die Optimierungsstrategie der Bioökonomieunternehmen wird auch von der deutschen Bundesregierung vertreten. Sie hat dazu 2009 den deutschen Bioökonomierat einberufen, deren Ratsmitglieder Expert_innen der Ernährungswissenschaften, Bodenkunde, Agrarökonomie, Tierzucht, Bioenergie, Agrarmarketing und Unternehmensvertreter_innen der industriellen Biotechnologie sind. Ihre Aufgabe ist es, die Bundesregierung bei der Umsetzung der „Nationalen Politikstrategie Bioökonomie“ zu beraten und damit optimale wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen für eine biobasierte Wirtschaft zu schaffen. Diese Strategie wird vom Forschungsprogramm „Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ begleitet, das mit 2,4 Milliarden Euro ausgestattet ist. In den letzten Jahren hat der Bioökonomierat zahlreiche Publikationen vorgelegt und im November 2015 zum Bioökonomieweltgipfel eingeladen, der mit 500 Entscheidungsträger_innen aus Politik, Wirtschaft, Industrie und Zivilgesellschaft in Berlin stattgefunden hat. Diskutiert wurde darüber, wie gleichzeitig die Ziele der Ernährungssicherung, der nachhaltigen Entwicklung, des Wirtschaftswachstums und des Schutzes begrenzter natürlicher Ressourcen durch Bioökonomie erreicht werden können, um damit einen Beitrag zu den im Sommer 2015 von der UN verabschiedeten globalen Nachhaltigkeitszielen zu leisten.
Christiane Grefe bemüht sich in allen Abschnitten ihres Buches um eine abgewogene Darstellung der Pro- und Contraargumente. Den Leser_innen wird jedoch schnell klar, dass Bioökonomie kein bottom up-Prozess ist, der von Verbraucher_innen und Bäuer_innen vorangetrieben wird, und dass Wissen um bioökonomische Innovationen nicht open source verfügbar ist. Die präsentierten alternativen Beispiele für einen nachhaltigen Landbau beruhen ausschließlich auf den Techniken der alten Bioökonomie – ohne gentechnologische Eingriff in das Erbgut von Pflanzen und ohne Pestizideinsatz. Die Kontrolle über das Saatgut bleibt in diesen Beispielen bei den Bauern selbst.
Für die Formulierung von Extrempositionen in der Bioökonomie-Debatte hat die Autorin Stellvertreter_innen gewählt. Das Buch enthält vier „Streitgespräche“ mit jeweils zwei Kontrahent_innen von Bioökonomie-Unternehmen und Umweltverbänden, Landwirten und Naturphilosoph_innen. Ein zusätzliches Streitgespräch zur politischen Dimension der Bioökonomie und die Frage nach dem Stellenwert der Bioökonomie für eine sozial-ökologische Transformation – die ja ebenfalls ein Entwicklungsziel der Bundesregierung ist – wäre spannend gewesen. Damit hätte deutlich werden können, auf welchem Zukunftsideal Bioökonomie beruht. Aktuell steht Bioökonomie für ein technologieorientiertes, neoliberales Fortschrittsmodell und für das Ideal einer ökologischen Modernisierung. Die Markt- und Diskursmacht der Großkonzerne der Ernährungs-, Chemie- und Agrarwirtschaft spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausgestaltung der Bioökonomiestrategie. Es sind die altbekannten Player wie Syngenta und Monsanto, die auch weiterhin eine industrielle Landwirtschaft prägen wollen und neue Unternehmen, die fossile Substitute aus Mikroben, Enzymen, Algen und Pilzen entwickeln, fleißig aufkaufen. Die neoliberale Globalisierung und Monopolisierung des Marktes mit Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln wird sich auf diese Weise noch verstärken – und auch die Monopolisierung der Bezugs- und Absatzmärkte und die Abhängigkeiten der Landwirt_innen von Agrarkonzernen. „Global Gardening“ ist ein wichtiges Buch, um die ökologischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Bioökonomie verstehen zu können.

Christiane Grefe: Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? München, Verlag Antje Kunstmann, 2016, 320 Seiten, 22,95 €. Hier reinlesen.

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Vortragsdokumentation: Kochen für den Klimaschutz

Die Finanzierung energieeffizienter Kochmöglichkeiten für Frauen im globalen Süden soll eine Win-win-Lösung darstellen. Leider hat die Sache nicht nur einen Haken, wie Sybille Bauriedl erläutert.
Bericht von Stefanie Gerold zum Vortrag „Kochen für den Klimaschutz? Wie Klimapolitik Geschlechter- und globale Machtverhältnisse manifestiert“ am 19.01. 2016, Ringvorlesung „Klimapolitik in der Sackgasse?“ an der Universität Wien.
Videomitschnitt des Vortrags.