Klima(un)gerechtigkeit in Städten

von Sybille Bauriedl

Städte sind nicht nur Wohnstandorte. Sie sind auch Standorte für Gewerbe, Industriebetriebe und überregionale Verkehrsknoten. Städte wie Berlin oder Frankfurt am Main beherbergen außerdem internationale Transitflughäfen, die Stadt Hamburg einen Hafen, der fast ein Zehntel der Stadtfläche einnimmt. Diese Nutzungsmischung führt zu enormen Luft- und Lärmbelastungen und Luftverschmutzungen. Jährlich sterben Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Luftverschmutzung. Mit der globalen Erwärmung nimmt auch die Hitzebelastung in Städten zu. Teer- und Betonflächen heizen besonders auf, und durch die Bebauungsdichte steigt die Temperatur einer Stadt in Hitzeperioden extrem an. Maßnahmen der Lärm- und Hitzereduktion sowie der Frischluftzirkulation waren daher seit dem Städtebauboom ab den 1880er Jahren ein zentrales Thema der Stadtentwicklung in Europa. Naturräume und Grünzüge haben seither eine fundamentale Bedeutung für die Vermeidung gesundheitlicher Risiken und für die Lebensqualität in Städten.

Die Bewahrung der luftqualitäts- und temperaturregulierenden Funktion von Stadtnatur ist eine zentrale Aufgabe der Kommunalverwaltung. Insbesondere Stadtplanungs- und Umweltbehörden sind für die Messung, Kontrolle und Vermeidung gesundheitlicher Risiken durch Lärm- und Luftverschmutzungen zuständig. Die Abwägung einer gesundheitsverträglichen Belastung wird in Soll- und Grenzwerte übertragen und über Luftreinhalte- und Lärmaktionsplanungen sowie über Verkehrsentwicklungspläne, Freiraumentwicklungsplanung, Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte gesteuert.

Diese Aufgabe der Vermeidung von Gesundheitsrisiken und Biodiversitätsverlusten erfährt aktuell allerdings eine Umdeutung. Im Wettbewerb der Städte um internationale Aufmerksamkeit steht immer mehr die Inwertsetzung von Umweltpotentialen im Vordergrund. Die Wertschätzung von Natur zeigt sich nun immer stärker über eine ökonomische Bewertung ihrer Ökosystemdienstleistungen. So qualifiziert beispielweise das Forschungsprogramm „Naturkapital Deutschland“ die Stadtnatur mit Bezug auf ökonomische Variablen. Mit diesem Ansatz sollen explizit Unternehmen, Konsumenten und stadtpolitischen EntscheidungsträgerInnen die Kosten und der Nutzen von Stadtnatur vor Augen geführt werden. Gesundheits- und Naturschutzaspekte sollen im Kontext konkurrierender Nutzungsinteressen betrachtet und eine Multifunktionalität von Stadtnatur erkannt werden

Deutsche Großstädte verfügen über 46 bis 71 Quadratmeter Grünfläche je EinwohnerIn. Dieser Durchschnittswert täuscht darüber hinweg, dass Grünraum ungleich und sozial ungerecht über die Stadt verteilt ist. Gerade hoch verdichtete innerstädtische Quartiere bieten pro Person sehr viel weniger öffentliche Grünflächen als die locker bebauten Stadtteile, in denen viele BewohnerInnen über einen privaten Garten verfügen. In den Quartieren mit höherer Lärmbelastung, schlechterer Luftqualität und größeren Hitze- und Hochwasserrisiken leben zugleich mehrheitlich einkommensschwache StadtbewohnerInnen. Dabei tragen gerade diese StadtbewohnerInnen auf Grund eingeschränkter Konsummöglichkeit weniger zur lokalen – und auch globalen – Umweltbelastung bei. Insbesondere Verkehrsemissionen und Fluglärm werden vor allem von StadtbewohnerInnen mit mittlerem und hohem Einkommen verursacht.

Diese ungerechte Diskrepanz zwischen Verursachung und Betroffenheit von Umweltbelastungen im Stadtraum ist ein Ergebnis sozialer Segregation (des räumlichen Ein- bzw. Ausschlusses entlang von soziokultureller Identität und sozialem Status), die über die Wohnungskosten gesteuert wird. Die teuersten Grundstücke sowie die höchsten Mieten und Immobilienpreise finden sich in Stadtteilen, in denen frischer Wind auf die Stadt trifft (in europäischen Städten sind reiche Stadtteile daher fast immer im Westen zu finden) sowie in Frischluftschneisen (an Stadtparks, Seen, Flüssen). Gesundheitsbelastende Industrien und Infrastrukturen (Kläranlagen, Mülldeponien u.ä.) dagegen finden sich häufig in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an armer und Migrationsbevölkerung. Diese Bevölkerungsteile verfügen in der Regel über eine geringe politische Teilhabe, und von ihnen wird kein politischer Widerstand erwartet.

Für die Problematisierung von Umweltgerechtigkeit sind folgende Fragen relevant: Wie können (unvermeidbare) Umweltbelastungen angemessen verteilt werden? Wie kann allen StadtbewohnerInnen ein gleichberechtigter Zugang zu gesunder Umwelt ermöglicht werden? Wie können insbesondere Betroffene von Umweltbelastungen an Entscheidungsprozessen beteiligt werden?

Gesamter Beitrag im Themenschwerpunkt „Stadt und Gesellschaft“ der Bundeszentrale für politische Bildung (veröffentlicht am 9.7.2018)

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